Winfried Haunerland ThPQ 157 (2009), 359–368
 
Das Gebet und die Zeit
 
Laut und deutlich reden die Christen heute zur Welt. Sie tun ihren Mund auf für die Schwachen und halten mit ihrer Botschaft nicht hinter dem Berg. Im Christentum herrscht geradezu ein Wettbewerb um die eindringlichste Verkündigung der menschlichen Verantwortung im Licht des Evangeliums. So gibt es auch keinen Mangel an gutem Streit um die rechten Weisungen für das, was in der Gesellschaft zu tun ist. Vor Gott aber sind die Christen merkwürdig verstummt – sie können nicht mehr beten. Nun ist es recht und billig, dass die Christen öffentlich reden und sich am Kampf um Verhältnisse beteiligen, in denen die Menschen einander gerecht werden. Und nichts ist besser, als in diesem Engagement Gottes eigenes Wort nicht zu verschweigen, das uns menschlich macht. Mitten in dieser anspruchsvollen Mitarbeit an den drängenden Aufgaben der Zeit und mitten in der Sorge um die zeitgemäße Verkündigung jedoch ist den Christen lautlos jene Zeit abhanden gekommen, in der sie zu Gott selber reden. Ist es nur die Zeit, die ihnen dazu fehlt? Winfried Haunerland, Münchner Liturgiewissenschafter und ehemalige Chefredakteur dieser Zeitschrift, entwickelt eine gleichermaßen kundige wie verständnisvolle Schule des Betens in unserer Zeit.
(Redaktion)