Wunibald Müller ThPQ 144 (1996), 177–185
 
Die Nacktheit der Seele schützen
Möglichkeiten und Grenzen von Transparenz bei psychotherapeutischer
und geistlicher Begleitung
 
Aus der Psychotherapie lernen wir, daß eine Person, die transparent im Sinne von echt und authentisch ist, eine gute Chance hat, normal zu „funktionieren“. Damit Transparenz möglich ist, bedarf es eines geschützten Raumes und einer von Respekt und Annahme geprägten Atmosphäre. In besonderer Weise gilt das für die psychotherapeutische und geistliche Begleitung, die unter anderem Menschen helfen soll, sich zu eröffnen, um so inneres Wachstum zu ermöglichen und zu fördern. Fehlt dieser Schutzraum und tritt an die Stelle des Respektes Neugierde, hat das entsprechend negative Auswirkungen auf den Heilungsprozeß. Somit ist alles zu vermeiden, was den Schutzraum und die respektvolle Haltung gegenüber der ratsuchenden Person verletzen würde. Auf der anderen Seite ist es auch vertretbar, über Erfahrungen und Inhalte aus der Therapie und geistlichen Begleitung zu berichten: Wenn es nämlich darum geht, etwas zu erklären, besser verständlich zu machen und zu informieren, aufzuklären oder auf die wirkliche Situation aufmerksam zu machen. Dabei muß gewährleistet sein, daß die Intimsphäre der ratsuchenden Person nicht verletzt wird. Unser Autor ist Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach.
(Redaktion)