Hans-Joachim Höhn ThPQ 143 (1995), 361–371
 
Sinnsuche und Erlebnismarkt
 
Zeitdiagnose ist heute ein florierendes Geschäft. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht eine neue Formel auftaucht, mit der eine griffige Antwort auf die Frage gegeben wird „Wo leben wir eigentlich?“. Die Häufigkeit und das Tempo, mit der sich die verschiedenen Kennzeichnungen von Zeit und Gesellschaft ablösen, macht soziologische Zeitdiagnosen und Gesellschaftsanalysen allerdings auch zu einem problematischen Unternehmen. Was können sie mehr sein als Momentaufnahmen, Schlaglichter auf eine Gesellschaft, die sich in einem ständigen Übergang befindet? Daher verwundert es nicht, daß viele der soziologischen Wortfavoriten nur Saisonbegriffe sind. Die Dauer ihrer Gültigkeit wird durch kurze Halbwertzeiten definiert. Allerdings ist dieser Umstand kein zureichender Grund, um zeitdiagnostische Bemühungen bleiben zu lassen. Der ständige Wechsel der Zustandsbeschreibungen moderner Gesellschaften ist höchst aufschlußreich für die Frage, wo wir eigentlich leben. Ein Wissen um das, was an der Zeit ist, wird auch von Christen verlangt. Theologie und Kirche kommen nicht umhin, vor allem jenen kulturellen Trends und Tendenzen nachzugehen, in denen sich neue gesellschaftliche Leitbilder gelungenen Lebens manifestieren. – Unser Autor ist Professor für Kath. Theologie an der Universität Köln.
(Redaktion)