Christoph Niemand ThPQ 142 (1994), 263–275
 
Nationalismus in der Bibel?
 
Viele Christen neigen zum Glauben, daß mit der Erwählungsvorstellung des Alten Testaments unlöslich ein unerträglich verengter Chauvinismus verbunden ist. Sie glauben auch, daß mit dem Neuen Testament solche nationalistische Sicht überwunden wurde. Der Autor, Assistent am Institut für Neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Theologischen Fakultät in Linz, geht beiden „Vor-urteilen“ nach und zeigt auf, daß die Texte nuancierter mit der Problematik umgehen. Nationalistisch klingende Traditionen werden bereits im Alten Testament in universalistische eingebettet; der Erwählungsglaube impliziert Fähigkeit zur Selbstkritik und Wahrhaftigkeit in einem Ausmaß, das die modernen nationalen Geschichtsbilder bei weitem übersteigt. Das Neue Testament (hier paradigmatisch am Beispiel des Matthäusevangeliums untersucht) hat mit der Versuchung zu kämpfen, den Universalismus „nach vorne“ durch den Preis der Verengung „nach hinten“, nämlich den Antijudaismus, zu erkaufen. Doch auch bei Mt sind die antijüdisch klingenden Texte nicht isoliert zu sehen; sie fördern zwar eine kirchliche Identitätsbildung. Letztlich ist es jedoch eine Identität vor dem Gericht Gottes. Dieses fragt aber nach den Taten der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und nicht nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppe.
(Redaktion)